"Die Parabel der Säure" polarisiert mit radikaler Körperkunst und gesellschaftlicher Provokation
Nina Brandt"Die Parabel der Säure" polarisiert mit radikaler Körperkunst und gesellschaftlicher Provokation
„Die Parabel der Säure“ – ein mutiges, polarisierendes Bühnenexperiment
Mit „Die Parabel der Säure“ hat ein gewagtes neues Stück Premiere gefeiert – und sorgt für gespaltenes Publikum. Unter der Regie der Kultfigur Rébecca Chaillon taucht die Produktion schonungslos in die Realitäten von Körperbild und Identität ein. Manche Zuschauer:innen verließen den Saal vorzeitig, überfordert von der Intensität des Geschehens.
Inspiriert von Octavia Butlers Roman „Parabel des Sämanns“ lotet das Stück die Themen Glauben, Schuld und die mit Körperformen verbundenen Zwänge aus. Im Mittelpunkt stehen die Erfahrungen von Menschen, die sich als fett identifizieren – eine scharfsinnige, schonungslos ehrliche Abrechnung mit gesellschaftlichen Normen.
Die Darsteller:innen, in goldene Unterwäsche gekleidet, inszenieren „The Biggest Loser“ als groteskes, überzeichnetes Spektakel. Sie entschuldigen sich für ihre Körper, bekennen ihre Kämpfe mit Essen und stürzen sich in surreale Szenen: Fressgelage wechseln sich mit Verwandlungen in Meerjungfrauen ab. Ein Höhepunkt ist Julie Teufs Aktion, bei der sie selbstgemachte Butter an das Publikum verteilt – zum Probieren und als Los für eine Lebensmittelverlosung.
Der fast dreistündige Abend gipfelt in einer Szene, in der die Ensemblemitglieder mit Butter überzogen Bodybuilder-Posen einnehmen. Der Spruch „the biggest loser“ wird hier zum provokanten „the biggest poser“ umgedeutet – ein Bild, das nachhallt.
Unkonventionell, berührend und mitunter zähfüssig, stellt die Inszenierung gängige Vorstellungen von Körperlichkeit auf den Prüfstand – zwischen Absurdität und aufrichtiger Emotionalität. Das Publikum verlässt den Saal mit einem ungeschönten, fast körperlich spürbaren Eindruck der künstlerischen Auseinandersetzung.






