Sexualisierte Gewalt im Netz: Fast jeder zweite Jugendliche betroffen – doch Prävention bleibt Stückwerk
Matteo KrauseSexualisierte Gewalt im Netz: Fast jeder zweite Jugendliche betroffen – doch Prävention bleibt Stückwerk
Eine aktuelle Auswertung der Jugendsexualität-Studie Deutschlands hat alarmierende Zahlen zu sexualisierter Gewalt im Internet zutage gefördert: Fast die Hälfte aller Jugendlichen gibt an, bereits solche Vorfälle erlebt zu haben. Die Ergebnisse werden zu einem Zeitpunkt veröffentlicht, an dem Schulen und Fachleute bundesweit bessere Präventionsmaßnahmen fordern.
Zwischen 2023 und 2026 widmete sich ein Pilotprojekt in Thüringen dem Thema digitale sexualisierte Gewalt an Schulen. Yasmina Ramdani leitete Workshops für rund 5.000 Schülerinnen und Schüler der fünften bis achten Klassen. Mit interaktiven Methoden wie Bingospielen diskutierte sie mit den Jugendlichen über Apps, persönliche Erfahrungen und zentrale Begriffe – und schaffte es so, sie aktiv einzubinden.
Besonders besorgniserregend: Cybergrooming – also das gezielte Ansprechen von Minderjährigen in Chats mit dem Ziel der späteren Belästigung oder des Missbrauchs – betraf 2025 fast ein Viertel der Jugendlichen. Viele Übergriffe geschehen zudem im eigenen Freundes- oder Klassenchat, oft ausgedrückt durch Naivität oder Gruppendruck. Lehrkräfte erkennen zwar die Dringlichkeit des Themas, fühlen sich aber häufig überfordert und schlecht vorbereitet, um angemessen zu reagieren.
Eltern werden dazu aufgerufen, das eigene Verhalten zu reflektieren und offen mit ihren Kindern über Grenzen zu sprechen – insbesondere beim Teilen intimer Bilder. Expertinnen und Experten betonen, dass Investitionen in Prävention langfristig nicht nur Leid verhindern, sondern auch Folgekosten sparen. Das Thüringer Projekt endete 2023, eine Fortsetzung ist nach den Sommerferien 2026 geplant.
Während einzelne Bundesländer wie Bayern und Nordrhein-Westfalen eigene Initiativen gestartet haben, gibt es bundesweit keine einheitlichen Daten darüber, wie viele Schulen ähnliche Workshops eingeführt haben. Die digitale Dimension von Gewalt gegen Frauen rückt dabei zunehmend in den Fokus – nicht zuletzt durch prominent besetzte Fälle wie die Vorwürfe der Schauspielerin Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann, Christian Ulmen.
Die Studienergebnisse zeigen: Sexualisierte Gewalt im Netz ist unter Jugendlichen weit verbreitet – fast jeder Zweite ist betroffen. Präventionsbemühungen bleiben jedoch lückenhaft. Zwar zeigen Projekte wie die Workshops von Ramdani Wirkung, doch ohne eine bundesweit abgestimmte Strategie bleiben Schulen und Familien bei der Bewältigung des Problems weitgehend auf sich allein gestellt.






